Nichts-Zitate (32)

Ich hätte ja nie gedacht, dass ich mal einen Western lesen würde. Schauen schon, aber lesen? Habe ich aber. Und dieser prasst mit allen verfügbaren Klischees – brandysaufende Revolverhelden, Goldrausch, Duelle, sandige Westernstädte, böse Schurken, zwielichtige Kneipen, Hinterhalte – nimm, was du willst. Dann unterläuft er all das und philosophiert über Männlichkeitswahn, Umweltverschmutzung, Waffenverehrung und unerwartete Selbsterkenntnis. Könnte von Tarantino verfilmt sein, wurde es aber von Jacques Audiard. Und zum Schluss haut der Oberbösewicht – in der Badewanne sitzend und einem imaginären Publikum vortragend – das da raus:

„Ein großer Mann ist derjenige, der eine Leerstelle in der materiellen Welt mit der Essenz seiner eigenen Person zu füllen vermag. Ein großer Mann ist derjenige, der selbst dort Glück hat, wo andere nie Glück hatten – vermöge reiner Willenskraft. Ein großer Mann ist derjenige, der etwas aus dem Nichts schafft. Und glauben Sie mir, Gentlemen, sollte Ihnen dies gelingen, dann ist die Welt um Sie herum auch nicht mehr als ein Nichts.“

Um im nächsten Moment eines Besseren belehrt zu werden.

Patrick deWitt: Die Sisters Brothers

[Paul]




Nichts-Zitate (31)

Island. Seine Menschen, das Meer, die Berge. Schnaps, Religion, Fischfang. Der Pfarrer, der Auswanderer, die Fischausnehmerinnen. Die Ankunft der Zukunft. Hallgrímur Helgasons Roman „60 Kilo Sonnenschein“ erzählt aus dem Leben der Isländer vor 120 Jahren und warum sie sind, wie sie sind. Großartig, witzig, bedrückend. Und nebenbei fallen sprachliche Perlen aus dem Erzählersack.

Historische Ereignisse gehen meist langsam und zugleich schnell vor sich. Sie haben Vorzeichen, auf die niemand achtet und sie schwimmen untergetaucht, bis sie am richtigen Datum ihren historischen Kopf aus dem Wasser heben. Nichts geschieht aus dem Nichts. Wenn man Geschichte aus der Distanz betrachtet, wird erkennbar, dass kein bedeutendes Ereignis im Fluss der Zeit vollkommen unsichtbar bleibt, die Menschen wurden vorgewarnt, doppelt und dreifach, aber das ist vergraben und vergessen, wenn die historische Stunde schlägt. Dann trifft es sie alle unvorbereitet. Gelähmt vor Staunen stehen die Menschen vor dem Großereignis, das in den Stiefeln der Geschichte majestätisch an Land steigt, groß und blond, salz- und wettergebräunt, gutaussehend, den Männern zieht es im Unterleib und die Frauen bekommen weiche Knie.“

Hallgrímur Helgason: 60 Kilo Sonnenschein

[Peter]


Titelbild von "60 Kilo Sonnenschein"

Universum von Nichtsen

Auf der einen Seite ist der Prahlhans da, und der möchte gern genießen. Auf der anderen Seite steht das Bewusstsein, ein Nichts in einem Universum von Nichtsen zu sein. Diese Demut, die habe ich absolut. Ich habe gelernt, dass es sinnlos ist, sich irgendwo „finden“ zu wollen. Man muss das annehmen, was man hat.

Herbert Feuerstein
[gefunden im Rabenkalender am 4.12.2020]

In Memoriam Herbert Feuerstein

[Paul]

Fast nichts machen

Jens Risch verbringt seit 17 Jahren seine Tage damit, Knoten in hauchdünne Seidenfäden zu knüpfen – und sagt, er könne glücklicher nicht sein. Krautreporterin Esther Göbel hat ihn besucht.

„Es ist nicht möglich, nichts zu machen – aber je weniger ich mache, also je näher ich am Nichts bin, desto näher komme ich an die eigentlich wichtigen Sachen heran. Nicht das Viele ist für mich spannend, sondern die Konzentration auf das Wenige.“

Man kann Jens Risch auch beim Knoten zusehen. Und was dabei entsteht.

Es ist nicht Nichts.

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[Peter]

Nichts gefunden

Computer sind einfallslos. Deswegen reagieren sie bei gleichem Sachverhalt immer auf die selbe Weise. Ruft man beispielsweise eine Internetseite auf, die es nicht gibt, gibt der zuständige Webserver des HTTP-Statuscode 404 aus, der Befund ist „not found“. Zu sehen ist dann meist eine Seite, die bei Maler Müller ebenso langweilig aussieht wie bei der Deutschen Bank.

Dabei kann man aus dem Nichts-Finden durchaus mehr machen, wie das Museum für Kommunikation in Berlin beweist:

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„Macht nichts“

fordert Björn Kern in der ZEIT online, denn „Nichtstun ist friedlich und umweltverträglich“. „Die größten volkswirtschaftlichen Kosten entstehen nicht durch Nichtstun, sondern durch Arbeit.“ Allerdings muss man wissen: „Nichtstun ist eine Aufgabe fürs ganze Leben.“

Björn Kern hat sich nicht ganz an seine Lebensmaxime gehalten, sondern ein Buch geschrieben:

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