Nichts-Zitate (30)

Mit Punkt und Komma, aber ohne Unterlass und ohne Absatz denkt und denkt der Ich-Erzähler Thomas Bernhards über den „Untergeher“ Wertheimer, über Glenn Gould und sich, und nur einmal, nur ein einziges Mal spricht er ein Wort aus.

Dagegen gab es für Wertheimer nur den eigenen Tod, den eigenhändigen Tod, dachte ich. In einem Anfall von Größenwahn hat er sich in den Zug nach Chur gesetzt, sagte ich mir jetzt, und ist nach Zizers und hat sich vor dem Haus der Duttweiler aufgehängt, schamlos. Was hätte ich denn mit den Duttweiler zu reden gehabt? fragte ich mich und antwortete mir auch gleich mit einem tatsächlich laut ausgesprochenen nichts. Hätte ich der Schwester sagen sollen, was ich in Wirklichkeit über Wertheimer, ihren Bruder, dachte und denke? dachte ich. Es wäre die größte Unsinnigkeit gewesen, sagte ich mir.

Thomas Bernhard: Der Untergeher

[Paul]

„Da ist doch gar nichts!“

„Vermutlich die hinter meinem Rücken am häufigsten gestellte Frage: ‚Was fotografiert der denn? Da ist doch gar nichts!‘ Doch für das grafisch geschulte Auge gibt es nicht Nichts; wo Konkretes und Greifbares durch Abwesenheit glänzt, gibt es immer noch Strukturen, Verläufe, Kontraste – kurz: Nichts ist fotogen, und das sogar häufig!“

Christian Wöhrl sieht Nichts, wo andere nichts sehen. Und zeigt dies auf seiner nagelneuen Fotoseite Lichtspuren

als Slideshow
als Übersicht

[Peter]

Der Nixer

Ich: „Und, wie war es heute in der Kita? Was hast du so gemacht?“
Sohn II: „Nix.“

So startet ein kleiner Dialog des stets lesenswerten Herzdamengeschichtenaufschreibers Maximilian Buddenbohm mit seinem Söhnchen II. Den Rest der Unterhaltung mit ganz viel „nix“ gibt’s drüben bei „Buddenbohm & Söhne“.

[Paul]

Nichts-Zitate (23)

„»Und fügt hinzu«, insistierte Saint-Savin höhnisch, »wenn die Welt endlich wäre und umgeben vom Nichts, dann wäre auch Gott endlich: Da es seine Aufgabe ist, wie Ihr sagt, im Himmel zu sein und auf der Erde und an jedem Ort, könnte er nicht dort sein, wo nichts ist. Das Nichts ist ein Nicht-Ort. Oder aber, um die Welt zu erweitern, müßte er sich selbst erweitern, also erstmals dort auftreten, wo er vorher nicht war, was im Widerspruch zu seiner angeblichen Ewigkeit stünde.«
»Genug, Monsieur! Ihr leugnet die Ewigkeit des Ewigen, und das ist zuviel. Der Moment ist gekommen, Euch zu töten, damit Euer starker Geist uns nicht länger mehr schwächer kann!« Sprach’s und zog seinen Degen.“

Umberto Eco: Die Insel des vorigen Tages

Dass Saint-Savin Minuten später tot auf dem Boden liegt, ist allerdings nicht der Fechtkunst des degenzückenden Abbés zu verdanken, sondern einer dummen Musketenkugel einer dummen spanischen Patrouille während der dummen Belagerung von Casale im dummen Dreißigjährigen Krieg. Was dem französischen Edelmann aber gar nichts ausmacht, wie seine letzten Worte bezeugen, die zugleich die Nichtsigkeit des menschlichen Daseins unterstreichen: „une heure après la mort, notre âme évanouie / sera qu’elle estoit une heure avant la vie“.

[Paul]